Archäologische Funde in Stadecken-Elsheim auf dem Pfadberg

Blick vom Hochplateau nach Stadecken-Elsheim, im Vordergrund vorgeschichtliche Gruben (Foto: GDKE RLP)

Teile einer Schädeldecke, unbestimmt (Foto: R. Wilfert)

Spinnwirtel (Foto: R. Wilfert)

Fragmente eines Tellers aus Michelsberger Kultur (Foto: R. Wilfert)

Bereits Anfang des vergangenen Jahres kam es in Stadecken-Elsheim zu interessanten archäologischen Entdeckungen, die u.a. infolge der Auswirkungen der Corona-Pandemie bislang unveröffentlicht blieben.

Ende 2019 fielen Stefan Rutsch und Jürgen Beck, beide Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins Stadecken-Elsheim (GHV), auf den gerodeten Flächen des Flurbereinigungsgebietes um die Stadecker Warte, viele auffällig dunkel gefärbte Stellen auf.  Bei genauerer Untersuchung fanden sie an diesen Stellen Scherben, die offensichtlich vorgeschichtlicher Herkunft waren.  Sogar Teile einer Schädeldecke wurden gefunden. Die Funde wurden der Landesarchäologie in Mainz  zur genaueren Untersuchung gemeldet.  Am 15.01.2020 führte ein  Mitarbeiter der Landesarchäologie eine Ortsbegehung auf dem Pfadberg, Gemarkung Stadecken, durch. Dabei zeigte sich, dass man es hier nicht mit einem Einzelfund, sondern mit einer großen Anzahl angeschnittener archäologischer Befunde zu tun hatte. Diese waren bei Erdarbeiten durch die dortigen umfangreichen Flurbereinigungsmaßnahmen zutage getreten.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Erdarbeiten nahezu abgeschlossen und die Neubestockung durch Reben stand unmittelbar bevor. Daher wurde ein Kompromiss geschlossen. Der Verursacher, das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinhessen-Nahe-Hunsrück, beteiligte sich an den Kosten der notwendigen archäologischen Dokumentationsmaßnahmen. Diese sollten sich auf die offen liegenden archäologischen Befunde, die durch das tiefe Pflügen nach Jahrtausenden erstmals wieder angeschnitten worden waren, beschränken. Bei den Begehungen beteiligten sich zahlreiche interessierte Mitglieder des Geschichtsvereins mit seinem Vorsitzenden Heinz Dechent-Rodenbach. Die unbepflanzten Flächen wurden im Februar und März 2020 systematisch begangen. Die durch Bodenverfärbung und Fundstücke erkenntlichen archäologischen Befunde wurden durch die Landesarchäologie dokumentiert. Drohnenaufnahmen sorgten dabei für den Gesamtüberblick. Insgesamt hatte das Projekt mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen: Zeitdruck, personelle Engpässe,  schlechtes Wetter, teils sehr unwegsame Bodenverhältnisse durch das Tiefpflügen, und nicht zuletzt den Auswirkungen der Corona-Pandemie. 

Eine wissenschaftliche Gesamtauswertung wird erst im Rahmen einer universitären Abschlussarbeit erfolgen. Hier können im Folgenden nur die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden. Insgesamt wurden etwa 180 Befunde in zwei Teilabschnitten dokumentiert. An Funden konnte zahlreiches Siedlungsmaterial (Keramikfragmente, Tierknochen, Brandlehm etc.) und weniger Gräbermaterial (zerscherbte Gefäße, Menschenknochen) nach Befunden getrennt geborgen werden.

Die Flächen befinden sich einen knappen Kilometer südlich der Gemeinde Stadecken-Elsheim. Auf dem Pfadberg befand sich eine durch einen Graben umfasste Höhensiedlung der jungsteinzeitlichen Michelsberger Kultur (ca. 4400-3500 vor Chr.). Stellenweise ließ sich der umfassende Graben im Luftbild nachverfolgen. Nur im Norden war dieser Graben nicht auszumachen; hier fällt das Gelände aber auch so steil ab, dass hier möglicherweise auf eine aufwändige Befestigung verzichtet wurde. Auf dem Plateau lag also ein Erdwerk, eine Wall-Grabenbefestigung, deren Wall allerdings durch die Jahrtausende lange Bewirtschaftung restlos eingeebnet wurde. Im geschützten Inneren lagen zahlreiche Siedlungsgruben dieser Zeit, sowie wenige Gräber.

Des Weiteren fanden sich Siedlungsgruben aus einer ganz anderen Zeit: dem Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit (ca. 1200-700 vor Chr.). Ebenfalls auf dem Hochplateau lag offenbar über Jahrhunderte eine kleinere, wohl unbefestigte Siedlung. Ob dies kontinuierlich oder mit Unterbrechungen geschah, kann erst die wissenschaftliche Vorlage beantworten.

Als Fazit kann gesagt werden, dass mit diesen einfachen Dokumentationen in einer archäologischen Notsituation die wesentlichen Erkenntnisse gesichert wurden, bevor die Wiederbepflanzung dies für die nächsten Jahrzehnte unmöglich macht. Es sind unwiederbringliche Quellen für die Vorgeschichte von Stadecken-Elsheim. Eine detaillierte wissenschaftliche Auswertung soll in den nächsten Jahren mit Unterstützung der Ortsgemeinde und dem Geschichts- und Heimatverein Stadecken-Elsheim erfolgen. Wirtschaftliche Schäden wurden vermieden. Wenn auch die Bedingungen nicht einfach waren, gelang für ein gemeinsames Ziel die Zusammenarbeit der Landesarchäologie mit dem örtlichen Geschichtsverein und den beteiligten Landwirten und Winzern. Der Pfadberg wird die Wissenschaft in den nächsten Jahren sicher noch lange beschäftigen. Ortsbürgermeister Thomas Barth zeigt sich sehr beeindruckt: „Unsere Gemarkung ist immer wieder für eine Überraschung, wenn nicht sogar Sensation, gut! Und ich bin unserem wirklich aktiven Geschichts- und Heimatverein sehr dankbar für das ständige Dranbleiben. Die Unterstützung durch die Gemeinde ist daher eine Selbstverständlichkeit.“


24.02.2021
Dr. Günter Brücken, Landesarchäologie Mainz, guenter.bruecken(at)gdke.rlp.de
Geschichts- und Heimatverein Stadecken-Elsheim
Ortsgemeinde Stadecken-Elsheim